Google Wave – vorher nie gehört? Macht nichts, denn damit gehört man sicherlich zur großen Mehrheit, ähnlich wie Twitter in seinen Kinderschuhen von einigen womöglich für eine neu entdeckte Vogelart gehalten wurde. Obwohl man bei Google Wave eher an ein Plug-in für Google Earth denkt, mit dem man virtuell Meere erforschen kann, handelt es sich dabei um ein Echtzeit-Kommunikationssystem, dass von den zwei australischen Brüdern und Google-Mitarbeitern Jens und Lars Rasmussen sowie Stephanie Hannon entwickelt wurde. Bei der ersten Präsentation von Google Wave Ende Mai diesen Jahres meinte Rasmussen: „Die Idee des eMails war schon in den 60er Jahren geboren – lange vor dem Internet. Wir fragten uns, wie eMail aussehen würde, wenn es heutzutage erfunden werden würde.“ Damit spielte Rasmussen auf die vielen Wege der Online-Verständigung an: „Chatsysteme, Blogs, Mail, Foren – die Wege der Kommunikation über das Internet sind vielseitig, Google Wave soll sie alle vereinen!“
Tatsächlich zeigen erste Testvideos und Screenshots eine Oberfläche, die wie eine Mischung aus eMail-Programm, Forum und Chat aussieht. Nutzer können Beiträge, so genannte „Waves“ erstellen und mit ausgewählten anderen Personen diskutieren. So weit wäre das nichts Neues, Foren basieren auf dem gleichen Prinzip, aber Google geht noch ein Stück weiter: Alle Nutzer in einem Wave sehen in Echtzeit, was der andere gerade tippt und können synchron ebenso das Wave weiter bearbeiten. Damit nicht genug können auch Attachments wie Bilder oder Videos mittels Drag&Drop in ein Wave importiert werden. Und auch hier können Nutzer des gleichen Waves die Anhänge fast zeitgleich sehen, herunterladen oder kommentieren. Den augenscheinlichen Vorteil gegenüber eMail sieht Google außerdem in der vereinfachten Handhabung: Musste man bei eMails die Nachricht noch weiterleiten wenn sie jemand anders erhalten sollte, soll bei Wave ein Knopfdruck auf die entsprechende Person im Adressbuch genügen und schon kann diese alle Nachrichten im Wave mitlesen. Ebenso lassen sich Waves mit dem eigenen Blog oder Twitter verknüpfen was dazu führt, dass Nachrichten, die in Wave geschrieben werden, bei Bedarf auch im Blog oder eben bei Twitter erscheinen.
Hilfreiche Robots
Entgegen der sonst lautenden Veröffentlichungs-Strategie von Google, wurde Wave noch im relativ frühen Entwicklungsstadium der Welt präsentiert. Nach eigenen Angaben liegt der Grund dafür in der Anwerbung von Entwicklern für Google Wave. Denn geht es nach Google, soll Wave eine Fülle an Gadgets und so genannten „Robots“ enthalten, die die Online-Kommunikation aufwerten. So soll es beispielsweise möglich sein, eigene Robots zu programmieren die in Echtzeit, bestimmte Funktionen ausführen. Bei der ersten Wave-Präsentation von Google stellten die Rasmussen-Brüder einen Robot vor, der Wörter in beliebige Sprachen übersetzt. Dies passiert On-the-Fly, also während der Benutzer noch tippt. Über die Qualität der Übersetzung konnte bisher kein Urteil abgegeben werden, es ist aber davon auszugehen, dass sie ähnlich unverständliche Phrasen ausspuckt, wie „Google Translation“ dies manchmal tut.
Ebenso wie Robots sollen auch Gadgets in Waves eingebunden werden die verschiedene Funktionen beinhalten. Bei der Wave-Präsentation stellten die Rasmussen-Brüder ein Schachspiel vor, das in Wave integriert und mit anderen gespielt werden kann. Auch andere Google-Funktionen wie „Google Maps“ sollen durch Wave unterstützt sein. So können Nutzer eines gemeinsamen Waves anderen Nutzern auf der Karte Orte zeigen, diese beschriften oder durch Formen und Linien auf gewisse Dinge hinweisen. Auch hier soll wie bei der Text-Kommunikation alles quasi zeitgleich ablaufen. Zoomt ein Wave-Nutzer in die Karte, sehen die anderen dies auch, beschriftet er einen Geländepunkt, wird auch dies sofort den anderen angezeigt.
Wave als Mail-Ersatz?
Da Google den Quellcode von Wave kostenlos veröffentlichen will, wird es möglich sein, Wave auch auf dem eigenen Server laufen zu lassen um so etwa ein eigenes Firmen-Wavenetz aufzubauen. Die Frage des Datenschutzes für dessen legeren Umgang Google öfter Kritik einstecken musste wäre damit vom Tisch – die Kommunikation des eigenen Wave-Servers zu Google könnte durch Änderung des Codes unterbunden werden. Ungeklärt ist jedoch, ob nicht Chaos vorprogrammiert ist, wenn viele Nutzer gleichzeitig Dokumente bearbeiten oder Karten betrachten.
Dass Google Wave das eMail ersetzen oder man sich gar in fünf Jahren fragen wird, wie die Welt ohne Google Wave überleben konnte (wie dies von einigen unseriösen Medien behauptet wird) ist nicht nur unwahrscheinlich sondern nahezu ausgeschlossen. Ähnlich wie mit der Erfindung des Computers das Ende des Papiers herbeigeschworen wurde, lässt sich auch die eMail-Kommunikation nicht so leicht auslöschen. Wenn es Google aber schafft, die Vorteile von Wave gegenüber jetzigen Chatsystemen deutlich zu machen, so brechen für Message-Services wie ICQ oder MSN harte Zeiten an – denn hier könnte Wave tatsächlich eine Marktlücke finden – und Google helfen, noch ein Stück mächtiger zu werden.