Alle Jahre wieder wenn das schwüle, heiße Wetter durch's Land ziehen, bleiben auch die Nutznießer nicht weit. Unzählige Gelsenlarven entwickeln sich zu den verhassten und allzu bekannten Flugobjekten die sich je nach Geschlecht von Nektar (männlich) oder von Blut (weiblich) ernähren. Schließlich haben die weiblichen Gelsen jede Menge Nachwuchs in Form von Eiern zu produzieren und da werden die Proteine im Blut von Säugern dringend gebraucht.
Nutznießer sind auch die Anbieter von Gegenmittel, die das Abzapfen und vor allem das anschließende Jucken verhindern sollen. Von der Chemiekeule, über Gewürznelkenduft bis zu Geräten für die Steckdose ist alles im Programm. Seit den 90er Jahren haben sich auch einige Radiosender regelmäßig der Gelsenvertreibung angenommen und versprechen den Hörern einen für Gelsen lästigen aber für Menschen unhörbaren Dauerton zu senden.
Weibchen vs. Weibchen
Bei Radio Energy hört sich die Erklärung dann so an: „Zu unserem Sendesignal wird ein Hochfrequenzton zwischen 14.000 und 15.000 Hertz mitgesendet. Für uns Menschen ist er fast unhörbar, doch die lästigen Viecher fühlen sich abgeschreckt und ergreifen die Flucht.“ Seit zehn Jahren will der Sender damit Gelsen vertreiben und Hörer locken.
Etwas ausführlicher ist man da bei Kronehit, wo der Ton für Menschen sogar gänzlich unhörbar sein soll. "Man imitiert das Summen einer weiblichen Gelse. Durch diesen Ton werden andere Weibchen abgeschreckt und ziehen sich zurück", erklärt der Wissenschafter Michael Müller auf der Website. "Kronehit sendet den Ton auf einer Frequenz von 14 850 Hertz , das entspricht der 27-fachen Oberwelle des Surrens einer Gelse – so hochfrequent, dass er für Menschen nicht wahrnehmbar und auch nicht schädlich ist", heißt es weiter von der Redaktion.
Des Kaisers neuer Gelsenton?
"Ich glaube nicht, dass das funktioniert", meint dazu Gregor Lasser, Radiotechniker vom Institut für Nachrichtentechnik und Hochfrequenztechnik der TU Wien. Die angegebene Frequenz sei zwar knapp innerhalb der durch UKW-Radio übertragbaren Frequenzgrenze, aber das bedeute auch, dass Menschen sie noch hören können (besonders Jugendliche). "Die Grenze ist im Sinne der Frequenzökonomie eingeführt worden, d.h. das FM-Frequenzband kann von mehr Sendern genutzt werden", so Lasser. Wie es sich anhören würde, wenn 14 850 Hz hörbar aus dem Radioapparat kämen, kann man mit diesen Testfrequenzen ausprobieren. Der Ton erinnert an das nervende Geräusch, das alte Röhrenmonitore machen, wenn sie das Pensionsalter erreicht haben. Also auch gut geeignet um lästige Exemplare der Gattung Homo Sapiens loszuwerden.
Auch im deutschen Hifi-Forum hat sich die österreichische Variante des Gelsentons herumgesprochen und wurde eifrig diskutiert. Einer der User hat den empfangenen Radioton (UKW) eine genaueren Analyse unterzogen und das Ergebnis hier online gestellt. Bei der angegebenen Frequenz ist dabei nichts Auffälliges zu sehen. Mag zwar sein, dass irgendwas vom Sender gefunkt wird, im Radiolautsprecher kommt es offenbar nicht an.
Kein Gehör, kein Territorialverhalten
Doch selbst wenn das der Fall wäre, so wurde die Rechnung ohne die Gelsen gemacht. "Bei weiblichen Gelsen konnte bisher nicht nachgewiesen werden ob diese überhaupt ein 'Hörorgan' haben.", meint dazu Insektenforscher Peter Sehnal vom Naturhistorischen Museum Wien. "Wenn man sich die Anflugsdichten der weiblichen Gelsen auf ein potentielles Opfer ansieht, ist es schwer nachzuvollziehen, warum diese durch einen bestimmten Ton sich von der Blutmahlzeit abhalten lassen sollten", so der Experte weiter. Das kann wohl jeder nachvollziehen, der eines Abends von einem Schwarm der hungrigen Insekten umzingelt wurde. Außerdem haben die Gelsen gar kein Territorialverhalten, d.h. sie kümmern sich um nahe Artgenossinnen genau gar nicht.
Es spricht also einiges dafür, dass der Anti-Gelsen-Ton ein seit über zehn Jahren von den (Privat-)Radiosendern gut gepflegter urbaner Mythos ist. Und bekanntlich überleben diese die kalte Jahreszeit wesentlich besser als die härteste Gelsendame.