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computer.at > Beiträge > Googles Betriebssystem: Rolling on Chrome
.[Innovationen]
Googles Betriebssystem: Rolling on Chrome
11.07.2009 01:51
"Ab ins Web" scheint das Motto der Google-Entwickler zu sein, seit kurzem auch beim Thema Betriebssystem. Externe Anwendungen und Speicherplatz bietet der Konzern ja schon an, nun geht es die Ordnungsmacht auf den Rechnern. Mobile Mini-Laptops bieten sich dafür als Marktlücke an.

Wenn es um Schlagzeilen geht, hat sich Google bisher als verlässlicher Lieferant bewährt. Selbst in den Wochen des Sommerlochs kommen News aus dem kalifornischen Mountain View, die dann von Profis und Laien in Artikeln und Blogposts analysiert werden. Die Suchmaschinen-Innovatoren haben sich vorgenommen mittels des Internet in so viele Geschäftsbereiche vorzudringen wie nur möglich und jeder dieser Schritte wird jeweils mit großen Erwartungen und Ängsten vor der bevorstehenden Weltherrschaft der „Krake“ Google kommentiert. Die Freude über ein angekündigtes Manöver gegen die eigentliche Oberkrake Microsoft mischt sich mit der Befürchtung den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, und manchmal schlagen sogar beide Herzen in einer Brust.
Das nächste Exerzierfeld für Googles Expansionsdrang wurde am Dienstag im hauseigenen Blog eröffnet. Darin wird die Entwicklung eines Betriebssystems namens "Chrome OS" angekündigt, zusammen mit der typischen Ansage, man wolle alles neu denken. Tatsächlich wird die Richtung in sofern umgedreht, als das Betriebssystem als Erweiterung des gleichnamigen Browsers Chrome definiert wird und nicht umgekehrt. "Die Betriebssysteme auf denen die Browser laufen, wurden in einer Zeit entwickelt, in der es kein Web gegeben hat", heißt es da. Mit Chrome OS soll sich das nun ändern.

Verchromtes Linux

Für den Anwender wird sich das in der Weise darstellen, dass das Interface von Chrome OS praktisch nur aus dem Browser bestehen wird, von dem auf alle Programme und Daten zugegriffen wird. Die Anwendungen stehen schon seit längerem zur Verfügung und machen schon jetzt die Erstellung von Dokumenten und deren Lagerung auf den Servern von Google möglich. Damit wird das Konzept des so genannten Cloud Computing in die Sphäre des einfachen Users getragen, das bisher nur im Business-Bereich in aller Munde war. Die Propheten der "Wolke" versprechen großen Firmen eine effizientere Verwaltung ihrer EDV, wenn keine Firmenserver mit Dutzenden relativ eigenständigen Workstations technisch in Schuss gehalten werden müssen. Stattdessen wird das auf Server eines externen Anbieters ausgelagert, der volle Funktionstüchtigkeit garantiert. Man könnte auch sagen, eine Rückkehr zum Uralt-Konzept des Mainframe-Großrechners, auf den mehrere User dann mittels Terminals zugreifen.

Gänzlich neu ist bei Google aber der Zugang zur Entwicklung und zum Copyright. Es wird nicht das Rad neu erfunden, sondern auf die bewährte Grundlage Linux zurückgegriffen um darauf den Browser aufzubauen. Im Herbst dieses Jahres wird der Code dann als Open Source freigegeben und damit die weltweite Programmierer-Community eingeladen daran weiterzuarbeiten.

Aufklappen und Surfen

Doch wie will Google das windows-getrimmte Publikum auf den Chrome-Geschmack bringen? Die Hintertür sind die kleinen handlichen Netbooks, die mit Vor-Ort-Ressourcen sparsam sein müssen. Als Kooperationspartner hat man dabei die Hersteller Hewlett-Packard, Acer, Lenovo und Toshiba gewinnen können. Ab Mitte 2010 sollen die ersten Mini-Laptops mit Chrome OS auf den Markt kommen. Im Gegensatz zu Windows wird das keine zusätzliche Kosten beim Kauf verursachen, denn die Software wird gratis sein.

Für diesen kleinen Teil des Marktes könnte Chrome OS sogar praktikabel sein und einige Vorteile bringen. Programme und Daten wäre unabhängig vom verwendeten Rechner an jedem Ort mit W-LAN verfügbar, das Netbook muss nur aufgeklappt werden und wäre ohne langes Booten sogleich im Internet. Wer viel unterwegs ist, kann damit sicher gut leben.

Illusorisch wäre es aber dieses Konzept auf die große Masse der User umzulegen oder gar von einem Großangriff auf Microsoft zu träumen. Derzeit gibt es keine wirklich guten Gründe, weshalb jemand alle Programme, den Großteil der Daten und die Bestimmung über die Systemperformance einem fernen Webserver überantworten sollte. Die Befreiung von Systemerhaltungsaufwand steht der Abhängigkeit von (Wireless-)Breitbandperformance gegenüber. Nicht zu reden von der Macht über den Remote-Server (nennen wir ihn z.B. "Google"), der auch in anderen Staaten mit anderem Rechtsbestand aufgestellt sein kann.

"Wir profitieren davon"

Für Google-CEO Eric Schmidt kann es offenbar nicht genug geben, dass wir im Web tun können, oder wie er es gegenüber dem Wallstreet Journal formulierte: "Wir profitieren davon, dass die Leute mehr Zeit ihres Lebens online verbringen." Die Knochenarbeit der Datenverarbeitung erledigen derzeit hunderte Millionen von Desktop-Rechnern und Servern, die in privaten Haushalten und Firmen stehen und in die jeder einzelne Benutzer investiert hat. Dass die Arbeit vom Verschieben ins Web weniger wird, ist nicht zu erwarten.

Was passiert, wenn 200 Mio. User ihre private Kommunikation und ihre Bilder teilweise ins Internet auslagern, zeigt das Experiment facebook. Von Monat zu Monat muss mehr Serverleistung finanziert werden um trotz Userzustrom die Performance zu halten. Die Werbeeinnahmen können da nur hinterherhinken. Wahrscheinlich werden es am Ende die persönlichen Daten der Mitglieder sein, die als Goldschatz des 21. Jahrhunderts von den Online-Entdeckern gehoben werden.

Verfasst von Thomas Müller
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